The Time Train: Ganz große Gänsehautmomente

Aufrüttelndes Theater der EF als Impulsgeber

Relativ nüchtern war die Ankündigung eines Theaterstücks, welches Schüler*innen des FCG am 28.6. und 29.6. in der Aula aufführten sowohl auf der Homepage der Schule wie auch im Schulgebäude.

Umso erstaunlicher war der Empfang vor Betreten des Ortes des Geschehens. Dort wurde das Publikum schon sehr verheißungsvoll auf das nun Kommende eingestimmt. Das düster, etwas geisterhafte Bühnenbild unterstrich dies in besonderer Art und Weise. Hier war vom ersten Augenblick an erkennbar, dass nichts dem Zufall überlassen wurde. Die Anordnung der Requisiten unterstrich den Ablauf der Geschehnisse.

Von Anfang an stand im Mittelpunkt, die Gestaltung der Geschichte durch die herausragende Schauspielkunst der Schüler*innen hervorzuheben.

Das Publikum wurde gebeten im Zug Platz zu nehmen. Es folgte eine kurze Information durch einen Zugbegleiter, dass es auf dieser besonderen Fahrt um die menschlichen Stärken und Schwächen gehen werde. Selbige sollten auf den Prüfstein gelegt und entschieden werden, ob sie, die menschliche Spezies, verdient weiterzuexistieren.

Darauf folgten in rascher Abfolge die Auftritte der einzelnen Protagonist*innen. Beginnend im Jahr 2080, also der Zukunft, begegneten wir der zu einem „Mensch“ gewordenen Alexa in Begleitung ihrer Erschafferin, einer jungen Wissenschaftlerin aus New York. Wie fast alle folgenden Personen befanden auch sie sich auf der Flucht. Temporeich stiegen die nächsten Fahrgäste aus dem Jahr 2017 zu, die sich auf der Flucht vor einem Attentat befanden. Und so gesellten sich bald Fahrgäste aus den 70iger Jahren, frühen 50iger Jahren, aus dem Jahr 1945 und 1919 dazu. Schnell wurde hier klar, dass es sich um eine Zeitreise in die Vergangenheit handelte.

In besonderer Art und Weise wurde das Publikum hier auf die einzelnen Übergänge durch originale Tonaufnahmen und musikalische Stilelemente aus den einzelnen historischen Epochen eingestimmt. So entstanden Überleitungen zwischen den einzelnen Auftritten, die schon erahnen ließen, dass das Ganze in einem übergeordneten Kontext zusammengeführt würde.

Aber noch stand jede Epoche für sich isoliert. Die Monologe der Jugendlichen konzentrierten sich auf das Wesentliche der jeweiligen Zeitgeschehnisse und unterstrichen gleichzeitig das individuell Erlebte. Atemberaubend professionell wurde dabei auf der Bühne agiert. Das Publikum erhielt Einblicke in menschliche Abgründe, die authentisch und nahbar gezeigt wurden. So am Beispiel der Roten Armee Fraktion, als sich junge Menschen von der Vergangenheit ihrer Eltern abgrenzten und dabei selbst zu Mörder*innen wurden. Wie viel menschliches Leid durch die Machtübernahme Hitlers ausgelöst wurde, zeigten zwei junge Frauen beeindruckend auf der Bühne. Hier erzählte eine Mutter, wie sie 1935 ihr vierjähriges Kind weggeben musste, um es vor Verfolgung und der möglichen Ermordung zu schützen, da der Vater des Kindes Jude und Kommunist war. Und genau dieses Kind befand sich auch im Zug auf der Suche nach seiner Mutter – es sind die Bruchsekunden zwischen den Zeilen, die kurzen, stillen Überleitungen zur nächsten Szene, die diese ganz großen Gänsehautmomente im Publikum auslösten.

Ankommend im Jahr 1919 erlebten wir nun zwei euphorisierte Frauen, die sich über das Ende des Ersten Weltkrieges ausgelassen freuten und das Frauenwahlrecht feierten. Langsam nahmen sich die Vertreter*innen der einzelnen historischen Epochen nun wahr. Unsichtbar wurde der Teppich der Zeitgeschichte miteinander verwoben. Anfänglich skeptisch, dann nahezu fassungslos über die nachfolgenden Geschehnisse standen sie sich gegenüber, und langsam legte sich das historische Band über sie. Durch einen Mord an Bord des Zuges erhielt das ganze Geschehen noch einmal besondere Spannung. Gegenseitige Beschuldigungen zersprengten die ersten Annäherungen der Gruppe. Durch das Auftreten eines Kommissars nahm das Ganze eine ungeahnte Wende. Die Aufklärung erfolgte durch einen schwer traumatisierten Menschen, der offensichtlich ausgelöst durch das Erleben eines Attentates in London seine Sprache verloren hatte. Er hielt seine Beobachtungen zeichnerisch fest und lieferte damit die Lösung des Mordfalls. Szenisch wuchs dabei die Gruppe zusammen. Hier erlebten wir höchsten schauspielerischen Anspruch umgesetzt, als die Gruppe wie ein Standbild zusammengeführt wurde. Für Bruchsekunden verharrten sie in dieser Pose. Nun kam der große finale Moment, als der Schaffner in mephistomanischer Weise mit der Menschheit abrechnete. Spätestens jetzt wurde deutlich, dass, historisch gesehen, nichts voneinander losgelöst betrachtet werden kann. Wunderbar von allen Beteiligten umgesetzt, wehrten sie sich gemeinsam gegen den Untergang. Es wurden die menschlichen Errungenschaften aufgezählt mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Unerbittlich zeigte sich der bis dahin neutral erscheinende Zugbegleiter.

Nahezu unbemerkt löste sich dabei der bis zu diesem Punkt schweigende, namenlose Überlebende des Attentates von der Gruppe. Seinen Blick ins Publikum gerichtet, sagte er dabei nur ein einziges Wort – „Bitte!“ Nicht leise, nicht bettelnd, nahezu selbstbewusst war das der Schlussakkord dieses grandios aufgeführten Stückes!

Dieses „Bitte“ wurde gehört: Der Zug hielt nicht im Nichts – dieses „Bitte“ bündelte alles Gesehene und Erlebte noch einmal zusammen und richtete sich nicht zufällig an uns Zuschauende. ’Bitte tut etwas gegen die menschlichen Schwächen, bitte tut etwas gegen Krieg und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, bitte schaut nicht weg, sondern handelt gegen Ausbeutung und Unterdrückung, bitte seid ehrlich zueinander!’....so lautet die Botschaft!

60 kurzweilige Minuten waren um. Die Schüler*innen verneigten sich zum Schluss nicht nur vor dem Publikum, sondern baten alle an der Umsetzung Beteiligten auf die Bühne, um den großen Dank für deren Unterstützung auszusprechen. Große emotionale Momente folgten. Es ist in hohem Maße gelungen, aus Schüler*innen eine schauspielerische Gruppe zu kreieren, die sich gemeinsam mit ihrer Regisseurin von uns nun dankend verabschiedete.

Hier wurde etwas auf die Bühne gezaubert, von dem die Schreiberin dieser Rezension vorher nicht zu überzeugen gewesen wäre, dass so ein verdichteter Stoff in einem dafür zu kurz erscheinenden zeitlichen Rahmen gepackt werden und dabei auch noch so aussagekräftig erscheinen könnte. Es hing sicher in einem hohen Maße von der Umsetzung der dramaturgischen Vorlage ab und der hoch professionellen Regiearbeit. Beides durch Frau Antonia Schnauber geleistet, hat sie es gemeinsam mit den 12 jungen schauspielerischen Talenten geschafft, etwas ganz Großes auf der Bühne umzusetzen. Hier braucht es keine falsche Bescheidenheit den Vergleich zu ähnlichen Stücken namenhafter großer deutscher Bühnen vorzunehmen.

Unterstrichen durch eine exzellente Auswahl an Kostümen und die Begleitung durch eine hervorragende Ton und Lichttechnik, konnten die Jugendlichen sich in ihren Rollen von Anfang an frei spielen. Mag es Zufall sein – es gab keine Nebenrollen – jede, jeder hatte eben genug Freiraum, um seine Rolle auf der Bühne einzunehmen.

Jährlich fahren viele Klassen hunderte Kilometer zu historischen Gedenkstätten, um Geschichte erfahrbar zu erleben, aber auch um sich mit den Geschehnissen kritisch auseinander zu setzen. Und das ist auch wichtig und gut so.

Aber manchmal bedarf es eben nur 10 Meter in Richtung Mensa des FCG, um sich mit wichtigen historischen Fragen und deren Auswirkungen auf die Gegenwart und Zukunft zu beschäftigen. Dieses Stück ist hervorragend geeignet für Jugendliche ab 14 Jahren. Das Stück ist nicht moralisierend. Es gibt keine einfachen Antworten auf hochkomplexe Zusammenhänge. Vielmehr stellt es Fragen in den Raum und würde sich großartig eignen, um anschließend in Debattiergruppen in Form von Barcamps weiter zu diskutieren, wie zum Beispiel: Was ist künstliche Intelligenz und wie wird diese Entwicklung unser menschliches Zusammenleben zukünftig beeinflussen; Beherrschen uns bald mathematische Algorithmen; Werden wir Menschen uns an Attentate gewöhnen; Welchen Einfluss hat die globalisierte Wirtschaft auf ökologisch wichtige Veränderungen, oder ist der Vergleich der Zeit der Weimarer Republik auf unsere heutigen Verhältnisse zulässig? Es könnte sich aber auch für einzelne Fachbereiche, Projekttage bzw. Projektaufträge eignen.

Die geneigten Leser*innen werden sicher zustimmen, dass unsere Kinder zukünftig vor allem ein gutes Urteilsvermögen erhalten müssen. Hier macht sich unsere Schule bereits sehr verdient. Aber es reicht nicht, wenn solch ein Potenzial wie dieses Theaterstück nur für zwei Aufführungen genutzt wird.

Theater als Impulsgeber integriert und sprengt zugleich Grenzen. Das unterstreicht das Stück „The Time Train“ in besonderem Maße. Theater ist ein spezieller Ort, dem es möglich ist, auf einzigartige Weise inhaltliche, soziale, künstlerische und kulturelle Werte zu vermitteln, wie es im Klassenzimmer nur bedingt gelingen kann. Denn es ermöglicht das Zusammenspiel unterschiedlicher Ausdrucksformen. Die Kinder und Jugendlichen wachsen in besonderer Form als Gruppe zusammen. Hier ist bedingungslose Zuverlässigkeit an der Teilnahme gemeinsamer Proben die Voraussetzung für eine gelungene Umsetzung auf der Bühne. Dabei spielen Fleiß, Beharrlichkeit, aber auch Vertrauen und gegenseitiger Respekt eine große Rolle.

Theater ermöglicht einzigartige Erfahrungen in ästhetischer und pädagogischer Hinsicht.

Theater gehört als Motor und Entwickler ins Herz einer jeden Schule!

Heidi Schätz