Theater "Warum?": Keine Möglichkeit, zu verdrängen

Im Drama „Warum?“, welches am 31.01. und 01.02.2020 in der Mensa des FCG aufgeführt wurde, wird die Geschichte von Anne Frank behandelt. Sie versteckte sich von 1942 an mit ihrer Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam, bis sie kurz vor Ende des Krieges im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Ein Teil des Theaterkurses der Q2 brachte nach einem Jahr Arbeit ein Theaterstück auf die Bühne, welches ein auf der einen Seite weit entferntes und dennoch aktuelles Thema behandelt.

Anne (Cara Barello) und Giosué (Ravyar Ali) spielen Seilchenspringen, als Anne zum Essen gerufen wird. Am Esstisch fragt sie, ob sie sich am nächsten Tag wieder draußen mit ihrem Freund treffen darf. Doch sie darf nicht: die Familie wird fliehen müssen. Angekommen im Hinterhaus wird Anne und ihrer Schwester Margot (Sophie-Marie Kress) klar, dass sie sich werden verstecken müssen. Und so verfolgt der Zuschauer das Zusammenleben auf engstem Raum mit der allzeit präsenten Angst, man könne entdeckt werden.

Zeitgleich jedoch wird einem auch die Geschichte von Giosué aus dem Film "Das Leben ist schön" nähergebracht, welcher mit seinem Vater (Fynn Hendrik Stomphorst) in ein KZ deportiert wurde. Dieser will unter allen Umständen verhindern, dass sein Sohn die mehr als bedauernswerte Realität mitbekommt und gaukelt ihm ein Spiel vor, bei dem man durch Schwerstarbeit Punkte erzielt und der Sieg über das gegnerische Team einen Panzer als Gewinn mit sich bringt. Bei der Befreiung durch alliierte Soldaten stirbt der Vater, Giosué hat sich jedoch lang genug versteckt und begegnet einem amerikanischen Panzer, dessen Fahrer ihn begrüßt.

Das Theaterstück hat durch das viele Wechseln zwischen den beiden Protagonisten und ihren Geschichten, aber auch durch die Vielfältigkeit der Emotionen in den Konversationen eher einen hektischen Charakter als eine bedrückende, dämpfende Stimmung, die man bei einem Stück über die Angst vor der nationalsozialistischen Judenvernichtung erwarten könnte. Elemente wie Nazis (Johannes Theiß und Henrik Bertelsmeier), die aus dem Publikum aufstehen oder von hinten auf die Bühne zulaufen, verstärken diese Atmosphäre auf eine brillant schauerliche Weise.

In der Tat wird das Publikum auch in anderen Dimensionen ergriffen, so fallen Monologe von Anne und Otto Frank (Lennart Müller) durch außergewöhnliches Schauspieltalent auf. Die darin ausgedrückte Hilflosigkeit, Verwirrung und Verzweiflung lässt den Zuschauer keine Möglichkeit, tatsächlich geschehenes Leid zu verdrängen und regt zum Nachdenken an. Auch die Beziehungen innerhalb der Familie Frank werden gerade durch die Rolle der Mutter Edith (Pia Trabach) mit präziser Authentizität und Glaubwürdigkeit belegt.

Die Geschichte von Giosué und seinem Vater wirkt dagegen eher wie ein Zusatz, der den Anschein erweckte, ein letzter Feinschliff wäre ausgeblieben. Die Angst des Vaters ist in jedem Wort spürbar. In den Monologen, in denen er sich die Frage stellt, wie er mit seinem Sohn umgehen solle und sich diesem Thema auch inhaltlich widmet, überzeugt die Rolle. Die Angst wird jedoch extrem in den Vordergrund gestellt, was die sonst durchaus interessanten, inhaltlichen Szenen etwas in den Hintergrund rückt.

Das Bühnenbild ist schlicht, sowohl auf der Seite der Familie Frank als auch auf der des KZs. Ein Graben, den die Häftlinge in der ersten Szene am zuletzt genannten Ort durch das Entfernen und Stapeln von einer Reihe von Bodenelementen schaffen, prägt den Blick des Zuschauers. Er ist ein eindruckvolles Symbol für die innere Distanz des letztlich selben Leids durch die Shoa - auch da er am Ende das Grab für Familie Frank darstellt.

Unterstützt werden beide Parts durch Zeitungsausschnitte, Bilder und Videoaufnahmen mit Ton aus dieser Zeit. Entweder wird die Relevanz des Themas Shoa und Nationalsozialismus damit gelungen unterstrichen oder die Medien werden genutzt, um klar zu machen, an welchem Ort sich eine Handlung abspielt. Auch Letzteres geschieht ohne jeglichen geschrieben Text oder besondere Effekte, weswegen es sich elegant in die Handlung auf der Bühne einfügt. Die gesamte technische Umsetzung ist bis auf wenige, kleine Fehler in der Lichtsteuerung ein ausgesprochen gutes Beispiel für die Nutzung der technischen Möglichkeiten am FCG.

„Warum?“ ist eine tolle Verarbeitung eines bis heute wichtigen und aktuellen Themas durch sorgfältige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einer einzigartigen Symbolfigur gegen die Unmenschlichkeit und den Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus. Hauptcharaktere, Kostüme und Bühnenbild harmonieren tadellos miteinander und die Schauspieler stellen durch eine enorm hohe Qualität ihrer Leistungen ein Highlight des Abends dar. Der Anfang wie das Ende bleiben im Kopf, einzelne Szenen und Gedankengänge aus den Monologen regen zum Nachdenken an.

Ein bisschen fehlt Tiefe und eine Diskussion der Frage „Warum?“, die man bei solch einem Titel erwartet haben könnte. Alltägliches überwiegt und die Frage wird nur andeutend in einem größeren Kontext konkret diskutiert.
„Warum?“ war definitiv sehenswert, allein schon sich einem solchen Thema in einem durchaus begrenzten Rahmen zu widmen, verdient höchsten Respekt. So ist es zu bedauern, dass bisher keine weiteren Au
fführungen geplant sind. Zu schade wäre es, die zusammengefasst gelungene Arbeit an nur zwei Abenden zu präsentieren, gerade, weil das Stück so außergewöhnlich und Angst auf eine ganz eigene Art kommuniziert.

Moritz Ehrenreich, Q2