Querschnittsgelähmt nach 7-Meter-Sturz

Er wollte nur die Fernsehantenne auf dem Dach neu ausrichten, doch dann rutschte er mit dem rechten Bein weg und der Dachkante entgegen. „Ich wollte meine Füße in die Dachrinne stellen, war aber zu schnell.“ So wurde Günther Heilsberger in die Luft katapultiert, machte einen Salto und stürzte aus 7 Metern Höhe ungebremst auf den Rasen vor dem Haus. „Es war ein brutaler Aufschlag“, erinnert sich Heilsberger. „Doch ich dachte, der Schmerz ist ein gutes Zeichen, ich bin noch am Leben!“

Gebannt hören die Kinder der 5b dem Vater ihres Klassenkameraden zu, der von diesem Unfall erzählt, den er mit 26 Jahren gehabt hatte. Heilsberger ist seitdem querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen – ähnlich wie die Figur Kurt in dem Jugendbuch „Vorstadtkrokodile“, welches die Klasse vor den Sommerferien gelesen hat. Auch eine zweite Parallele fällt sofort auf: Im Buch rutscht die Figur Hannes bei einer Mutprobe ebenfalls auf einem Dach aus, kann sich jedoch gerade noch an der Dachrinne festhalten und von der Feuerwehr gerettet werden.

Heilsberger hatte dieses Glück nicht, die Dachrinne hielt ihn nicht auf. „Ich wusste auf dem Rasen sofort: Mein Körper wird nicht mehr so sein wie vorher.“ Der 12. Brustwirbel war gebrochen. Dann kam die Notärztin, stach mit einer Nadel in die Beine. Heilsberger spürte nichts.

Die Kinder haben viele Fragen. Sehr offen geht Heilsberger auf alle ein, erzählt von der Reha, dem langsamen Akzeptieren der neuen Realitäten, dem mühsamen Weg zurück in ein neues Leben. Wie er sein Haus rollstuhlgerecht gebaut hat, mit welcher Technik er Treppen rauf- und runterkommt, dass sich Freundschaften neu justieren mussten und dass er so erfolgreich im Schwimmbad trainierte, dass er sogar angefragt wurde, an den Paralympischen Spielen 2000 in Sydney teilzunehmen.

„Würden Sie 500 Euro bezahlen, um für einen Tag wieder laufen zu können?“, fragt eine Schülerin den 49-Jährigen, der seit vielen Jahren Geschäftsführer und Gesellschafter einer Baustoffhandelskette ist. Heilsberger zögert nicht mit der Antwort: „Wenn es eine ernsthafte Möglichkeit gäbe, die Lähmung zu überwinden, würde ich mein gesamtes Vermögen, mein Haus, alles dafür geben. Denn Geld kann ich durch Arbeit wieder zurückgewinnen – die Gesundheit aber nicht.“

Am Ende des Schultages begleiten die Schüler*innen Heilsberger noch zum Parkplatz und staunen, wie schnell er vom Rollstuhl ins Auto wechselt und mit wenigen Handgriffen den Rollstuhl im Innenraum verstaut. So ist, neben allen Einblicken in die konkrete Alltagsbewältigung, wohl auch dies eine wichtige Erkenntnis des Tages: Wie man mit Pragmatismus, Lebensmut und Entschlossenheit auch nach schweren Schicksalsschlägen das Leben erfolgreich meistern kann.

Hauke Hullen