Lernen, leiden und lachen im Distanzunterricht

Eine augenzwinkernde Betrachtung

Nichts natürlicher als das: Ein Schüler sitzt ganz alleine zu Hause am Schreibtisch, die Gedanken wandern in die Ferne und der Zeigefinger in die Nase. Nicht schlimm, sieht ja keiner - bis auf die Webcam und somit die johlende Klassenkameraden im team-Meeting! 

Das kann passieren in Zeiten, in denen sowohl Schüler*innen als auch Lehrkräfte gewaltige Strecken in “Neuland” zurücklegen, wie Bundeskanzlerin Merkel dieses ominöse Internet im Jahr 2013 noch nannte.

Da wären die Tücken der Technik. Kein Bild, kein Ton - oder schlimmer: ganz viel Ton, wenn andere Rechner, Tablets oder Smartphones im Raum ebenfalls aktiviert sind, sodass sich eine prachtvolle Rückkopplung bis an die Grenze des Hörvermögens entfaltet. Das passiert übrigens besonder gern auf Lehrerkonferenzen, wo manch einer feststellt, dass mehrere Endgeräte noch schwieriger zu kontrollieren sind als zwei Dutzend pubertierende 8.-Klässler. 

Wobei: absolute Ruhe im Unterricht macht auch keinen Spaß. Solche Stunden oder Klassen haben den Spitznamen “schwarzes Loch”, weil (Kamera-)Licht und Informationen nur in eine Richtung fließen und kaum was zurückkommt.

Das Verschmelzen von Klassenraum und Wohnung hat natürlich auch Vorteile: Nie war es leichter, auf die Minute pünktlich im Unterricht zu erscheinen. In den Pausen ist der Kühlschrank nicht weit, und der Kaffee schmeckt besser als in der Lehrerstation. Es wird auch von Schülern berichtet, die während der Videokonferenz sogar Zeit hatten, dem Opa bei einer Computer-Einrichtung zu helfen oder beim Umzug tatkräftig mitanzupacken.

Doch vor Störungen ist man auch in den heimischen vier Wänden nicht geschützt. Bei einem Q2-Schüler verabschiedete sich nicht nur die Verbindung, sondern gleich der ganze Laptop, nachdem er aus Versehen seinen Kaffee in die Tastatur gekippt hatte. Und auch sonst bricht immer wieder bei einzelnen Schüler*innen das Netz zusammen, manchmal genau dann, wenn sie drangenommen werden. Selbst komplette Stromausfälle kommen öfter vor, als man vermutet, zum Teil auch vollkommen unbemerkt von den Eltern im gleichen Haus…

Andere Widrigkeiten sind dagegen durchaus sympathisch, z.B. durchs Bild huschende Geschwister, Eltern und allerlei Getier. Denn im Laufe des Lockdowns lernt man fast alle Haustiere von Schülern und Lehrern kennen: kreischende Vögel, schwarze Hunde, süße Hamster - und eine hochschwangere Katze, die erst ihren Allerwertesten in die Kamera hielt und sich dann auf der Tastatur niederließ. Glücklicherweise war das Meeting vorbei, bevor die Geburt einsetzte!

Kurioserweise sorgt das Lernen auf Distanz also auch für einige persönliche Einblicke. Da war z.B. die Schülerin, die auf die Frage nach dem gestrigen Zahnarztbesuch ein sehr transparentes Beutelchen mit einem sehr blutigen Backenzahn in die Kamera hielt. Oder der Junge, der mitten im Lockdown mit einer neuen und sehr professionellen Frisur auf dem Bildschirm erschien und freimütig über deren Zustandekommen berichtete. Klarer Fall von “too much information”!

Doch was wäre der Distanzunterricht ohne all diese Kuriositäten? Eindeutig zu langweilig!

Hauke Hullen