Jens Künstler segelte über den Atlantik

Am 18.6.2019 berichtet Jens um 18:30 Uhr im Andachtsraum von der abenteuerlichen Reise

189 Tage unterwegs auf einem Traditionssegelschiff – das ist das „Klassenzimmer unter Segeln“.    
Vor mittlerweile ziemlich genau 4 Jahren lauschte ich, damals noch Schüler der 7. Klasse, im Geographie-Unterricht gespannt den Erzählungen von Herrn Regener. Über den Regenwald Panamas, die Oldtimer auf den Straßen Kubas und die schier unendlichen Weiten des Atlantischen Ozeans. Er war im Frühling von seiner ersten Reise im Rahmen von „Klassenzimmer unter Segeln“ zurückgekehrt und berichtete von seinen ganz frischen, beeindruckenden Erlebnissen. Am Ende seiner Ausführungen fragte er mich, ob diese Reise nicht auch etwas für mich wäre. Am liebsten wäre ich sofort losgesegelt. Doch zwischen dem großen Törn und mir lagen noch einige Hürden. Erst einmal musste ich, als damals Zwölfjähriger, meine Eltern davon überzeugen, in 3 Jahren auf eine solche Reise zu gehen. Anschließend galt es, die lange Zeit bis zum Beginn der Bewerbungsphase zu überstehen. Im Februar 2018 war es dann endlich so weit. Ich konnte meine schriftliche Bewerbung, die aus einem Motivationsschreiben und meinem Halbjahreszeugnis der 9. Klasse bestand, einreichen.

Die erfolgreiche, schriftliche Bewerbung bescherte mir die Möglichkeit, im Mai 2018 am sogenannten Probetörn teilzunehmen. Mit 50 anderen Bewerbern segelten wir auf kleinen Kuttern über die Schlei und hofften, nach der Woche unter den 34 Auserwählten zu sein, die am Törn 2018/2019 teilnehmen dürfen. Nach zwei Wochen des Wartens fand ich endlich den Umschlag mit der Zusage für die Reise im Briefkasten. Nun konnte es also wirklich losgehen.


Das Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ richtet sich an abenteuerlustige Schüler, die ein Auslandsjahr der besonderen Art erleben wollen. Grundvoraussetzung ist, dass man Schüler der zehnten Klasse eines Gymnasiums ist und Lust hat, sein gewohntes Umfeld gegen einen Dreimast-Toppsegelschoner einzutauschen. Initiator des Projektes ist die Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Seit mittlerweile 11 Jahren findet das Projekt jährlich statt. 34 Schüler und eine 16 köpfige Stammbesatzung leben für 189 Tage auf der „Thor Heyerdahl“.


Die Reise begann für uns am 14. Oktober 2018 in Kiel und führte uns nach England, Teneriffa, St. Vincent and the Grenadines, Grenada, Panama, Kuba, Bermuda, sowie die Azoren und dann zurück nach Kiel. Über 12.000 nautische Meilen in 189 Tagen liegen hinter uns. Mitgenommen haben wir Bilder, Erinnerungen und wundervolle Freundschaften.
Die Seeetappen der Reise haben verschiedene Schwerpunkte. So steht auf der ersten Etappe die nautische Ausbildung der Teilnehmer im Vordergrund. Im Nautikunterricht lernten wir Schüler den Umgang mit Seekarten, die Vorfahrtsregeln auf See, sowie alle Tampen (Seile) und Segel des Schiffes kennen.

Zum Teil fand dieser Unterricht in unserer Freizeit statt, viel wurde aber auch während der Wachzeit durch Ausprobieren und Erklären vermittelt. Ja, das Wachegehen ist einer der Bestandteile des Alltags an Bord. Jeweils 8-9 Schüler und 2-3 Crewmitglieder bilden eine Wache. Es gibt vier Wachen, die jeweils tagsüber drei Stunden und nachts drei Stunden Wache gehen. Die Mitglieder von Wache 2 beispielsweise sind von 14-17 Uhr und von 2-5 Uhr für Aufgaben wie Rudergehen, Ausguck halten, Sicherheitsronden oder auch Maschinenronden zuständig. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen.

Täglich hat ein anderes Mitglied jeder Wache „Backschaft“. Zu viert sind sie für das leibliche Wohl aller zuständig. Neben der Wache, Backschaft und Nautikunterricht zählt auch das tägliche Reinschiff zum Alltag. Jede Wache besetzt eine der wöchentlich wechselnden Stationen, die sie eine Stunde lang putzt. Dazu zählen das Deck, die so genannte Last, der Sanitärbereich, sowie die Messe (der Aufenthaltsraum) und die Niedergänge (Treppen).


Ab der zweiten Etappe, die uns von Teneriffa bis nach Grenada führte, stand der Unterricht im Vordergrund. Wir waren mit dem Schiff vertraut und konnten mit nur noch 4 Schülern und der Crew Wache gehen. Die Schülergruppe wurde in zwei Unterrichtsgruppen aufgeteilt, die dann jeweils abwechselnd einen Schul- oder Wachtag haben. Dieser Alltag kehrte auf allen Seeetappen wieder ein. Erst ab den Azoren fuhren wir wieder mit voller Besetzung unsere Wachen, da das Wetter rauer und die Etappe anspruchsvoller wurde.


Zurück daheim werde ich oft gefragt, was mein Highlight der Reise war. Viele denken, dass das Besondere die exotischen fernen Länder sein müssten, die ich bereist und deren Menschen ich kennengelernt habe. Doch mein Highlight der Reise ist das krasse Gegenteil. Für mich war die Seeetappe von Teneriffa bis in die Karibik mein Highlight des Törns. Für die meisten ist das sehr unverständlich. „Was ist denn so toll daran, 23 Tage lang nur blauen Himmel und blaues Wasser zu sehen? Kein Land und kein anderes Schiff. Wird das nicht langweilig?“ Es ist genau das. An Bord befindet man sich in einem Mikrokosmos. Wir sind beschränkt auf ein 50 m langes und 6,5 m breites Schiff. Wissen, dass die 49 anderen an Bord die einzigen Menschen sind, mit denen man kommunizieren, lachen und Zeit verbringen kann. Auf der Atlantiküberquerung ist diese Welt noch einmal deutlich extremer, aber das ist wunderschön. Außerdem ist diese Etappe die erste und einzige Etappe, auf der ein wirklicher Alltag einkehrt. Die Wellen auf der Etappe kommen angenehm von hinten, die Thor gleitet sanft, durch den Nord-Ost Passatwind angetrieben, Richtung Neue Welt. Es ist eine sehr entspannte Zeit. Neben Unterricht und Wache bleibt genug Zeit für das Schreiben von Briefen und Tagebüchern sowie fürs Lesen. Freiheit ist ein wertvolles Gut in der heutigen Zeit und es ist schwer sie zu finden. Aber es gibt sie definitiv: Dort draußen auf dem Atlantik.

Jens Ove Künstler