Leitlinien der Erziehung

Erziehung ist Vorbild und Liebe – sonst nichts.“
 - Johann Heinrich Pestalozzi
„Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch 
die kalte Welt aushalten.“
 - Jean Paul
„Zweifeln Sie an der Besonderheit eines Menschen, mit dem Sie arbeiten, dann spürt er das und Sie schränken ihn ein.
Wenn also ein Kind sein Potenzial nicht voll ausschöpfen kann,
dann ist das mein Fehler, nicht der des Kindes.“ - Royston Maldoom

Wie kann es gelingen, dass Kinder zu Persönlichkeiten heranwachsen? Was können Eltern und Lehrer/innen tun und was sollten sie lassen, damit die Entwicklung ihrer Kinder gelingt? Der Schweizerische Bund für Elternbildung nennt acht Faktoren, die ich auch aus meiner persönlichen Erfahrung hier gerne weitergebe:

1. Zuhören können Ungezählte Informationen prasseln – oft schlecht gefiltert – auf unsere Kinder ein. Aber haben sie auch ein Gegenüber, das ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt? Haben Sie regelmäßige Zeiten, bei denen ihre Kinder Sie ungestört für sich haben. Gemeinsame Mahlzeiten sind eine wunderbare Gelegenheit. Und wenn es wegen unterschiedlicher Terminpläne bei Teenagern und älteren Jugendlichen nicht täglich möglich ist, da lohnt es sich, gemeinsame Zeiten zu vereinbaren – und diese dann auch liebevoll zu gestalten. Und wenn die jungen Leute den ganzen Tag unterwegs sind, dann lohnt es sich, abends selbst zu Hause zu sein. Oft habe ich meinen 17 jährigen nach 22 Uhr „zufällig“ noch in der Küche getroffen. Ich habe nichts gefragt, aber irgendwann erzählte er dann von sich aus etwas ... und manchmal war ich nicht vor Mitternacht im Bett.

2. Streiten dürfen Harmoniesucht ist weit verbreitet. Und ich bin der Letzte, der meint aus jeder Mücke einen Elefanten machen zu müssen. Aber Kinder können nur dann eine eigene stabile Persönlichkeit entwickeln, wenn sie zu Hause auch lernen Konflikte auszutragen. Was früher oft als lästige „Trotzphase“ bezeichnet wurde, wird glücklicher Weise von manchen besser als „Willensbildungsphase“ genannt.

3. Mut machen Einfach ausprobieren lassen - Möglichkeiten eröffnen, in denen Kinder sich erproben können – ein aufmunterndes Lächeln, wenn etwas nicht beim ersten Mal gelungen ist – ein „Das-schaffst –du-schon“ – ein herausforderndes „Lass uns das mal probieren“ ... Kinder spüren, ob wir auf sie als defizitär und „noch nicht erwachsen“ herabsehen oder sie als solche wahrnehmen (und fördern), die dabei sind, sich ihre Welt Stück für Stück zu erobern und zu gestalten.

4. Liebe schenken Geborgenheit schenken – zur rechten Zeit ein liebevolles Wort (das wird für den 10-Jährigen anders klingen als für die 17-Jährige) – eine Umarmung (die sich auch im Laufe des Älterwerdens der Kinder verändert) – Großzügigkeit – die Souveränität, bei Pannen und Fehlern nicht auszurasten, sondern gelassen zu bleiben. Eines meiner erwachsenen Kinder las vor kurzem „Fuck you“, in dem es vor allem darum geht, dass man sich von jedem Missgeschick tyrannisieren lässt: eine zerbrochene Vase, ein gestohlenes Fahrrad, ein zerstörtes Handy-Display ... Mich befremdete nicht nur der Titel, ich konnte auch mit dem Inhalt wenig anfangen. Nach einiger Zeit sagte meine Tochter: „Papa, für dich war das nie ein Problem. Du hast immer gewusst, was wichtig war und hast uns niemals wegen solcher Sachen Vorwürfe gemacht.“ Offensichtlich haben wir als Eltern nicht nur Fehler gemacht.

5. Grenzen setzen § 321 Absatz 45,b ... nein, bürokratische Kleinkariertheit ist ganz sicher nicht kindgemäß – und für Pubertierende erst recht nicht. Aber natürlich verbieten wir das Greifen auf die heiße Herdplatte. Es gab alters-abhängige Zeiten, wann die Kinder abends zu Hause sein sollten und Aufgaben im Haushalt, die zu erfüllen waren. Uneingeschränkter TV-Konsum war ebenso undenkbar wie ein respektloser Umgangston. Der Vater meines ältesten Enkelkinds beeindruckte mich, als er seinen tobenden 3-Jährigen ruhig auf dem Arm hielt und ihm mit ruhiger aber sicher Stimme sagte: “Kimo, wir haben darüber gesprochen. Du kannst jetzt weiterhin schreien, aber wir machen es so.“ Nach wenigen Minuten verstummte das Jammern. Auch später keinerlei „Rückfall“. Der kleine Mensch hatte gelernt, dass sich die Welt nicht nur nach seinen Empfindungen richtet und sein Vater auch dann gut zu ihm war, wenn er nicht auf jede Gefühlsregung mit reflexartigem elterlichen Gehorsam reagierte.

6. Gefühle zeigen „Ein deutscher Junge weint nicht:“ In dem Film DAS WUNDER VON BERN wird dieses stereotype männliche Verhalten vieler Väter in der Nachkriegszeit deutlich dargestellt. Am Ende des Filmes bestärkt der Sohn dann seinen sich verändernden Vater „Ein deutscher Mann, kann auch mal weinen“. Wie gut tut es, wenn Freude jubelnd und auslassend gefeiert wird, wenn Angst gezeigt und Schmerz ausgedrückt werden kann. Nein – Kinder sollen nicht jede Gefühlsregung ihrer Eltern mitbekommen, aber unterkühlte Distanz erzeugt keine menschliche Wärme und passive Apathie wird keine sensible Empathie unterstützen.

7. Freiraum geben In Pfützen herum springen, sich im Schnee wälzen, auf dem Campingplatz das Umfeld, die Nachbarschaft und den Shop erkunden ... es gibt für jedes Alter und jedes Kind ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie wir als Erwachsene den jungen Entdecker/innen Möglichkeiten geben können ihr Welt selbst zu entdecken. Pippi Langstrumpf ist nicht zufällig für viele der Inbegriff von Nonkonformität, von Lebensfreude und Gestaltungswillen. Ermöglichen wir unseren Kindern Abenteuer, die sie bestehen können.

8. Zeit haben „Du bist ja nie da.“ „Ich will für dich nicht nur ein Termin sein.“ „Dein Auto ist sowieso wichtiger als ich.“ Wir sollten solchen Worten Aufmerksamkeit schenken. Natürlich hat niemand 24 Stunden am Tag für seine Kinder. Aber haben wir wenigstens 7 Stunden in der Woche Zeit? Und sind wir nicht beleidigt, wenn nur ein Teil dieses Angebots wahrgenommen wird? Für einige Jahre habe ich mit jedem meiner vier Kinder monatlich einen Vater-Kind-Nachmittag eingerichtet. Kino, Schwimmbad, Radtour, ... immer hat es uns beiden gut getan! Und zum 17. Geburtstag gab es eine Vater-Kind-Wochenendreise mit dem Billigflieger. Wir gewinnen selbst, wenn wir auch unsere Zeit an unsere Kinder „verschwenden“.

Uli Marienfeld - veröffentlicht im Freundesbrief der Freien Christlichen Schulen Düsseldorf (2011)