Impulse des Schulleiters

Credo

Das Freie Christliche Gymnasium, gegründet auf Glauben, Hoffnung und Liebe. Wir sind überzeugt, dass Wissen ohne Orientierung gefährlich werden kann. Glaube aber kann Orientierung geben, die dem Wissen eine Ausrichtung gibt.

Menschen, die sich als Gedanken Gottes verstehen, glauben, dass Gott uns absichtlich erschaffen hat und mit einem Auftrag. Sich Wissen daraufhin zu erarbeiten und kompetent zu leben, gehört zur Würde des Menschen.

Wir sind überzeugt, dass Menschen ohne Identität mutlos werden können. Die Hoffnung als Motor der Identitätsfindung vermag gerade junge Menschen durch mancherlei Entwicklungen zu begleiten. Dieser Begleiter macht immer wieder Mut.

Ermutigung aber ist die zentrale Erfahrung, die auf dem Lebensweg vorankommen hilft. Hoffnungsvoll lebt es sich leichter und konstruktiver, in fröhlicher Erwartung der Zukunft.

Wir sind überzeugt, dass Leben ohne Liebe jedem Menschen sinnlos erscheint. Liebe, wie sie im Leben von Jesus sichtbar wird, bedeutet Engagement mit unserem ganzen Sein. Wenn Menschen mit herzlicher Liebe engagiert sind, erleben sie sich intensiver und spüren den Sinn ihres Menschseins in Verantwortung vor Gott und für die Schöpfung.

Solche Liebe ist kraftvoll, tragfähig und in der Lage, Krisen zu bewältigen und Herausforderungen anzunehmen.

Wenn Schülerinnen und Schüler Impulse in diesen drei Dimensionen aus ihrer Umgebung erfahren, bedeutet Lernen mehr als nur Pauken und ein Abschluss mehr als ein Sprungbrett ins Ungewisse. So will das Freie Christliche Gymnasium Orientierung, Ermutigung und Sinn-haftigkeit vermitteln. Lehrkräfte, die auf ihrem eigenen Lebensweg Glaube, Hoffnung und Liebe entscheidende Bedeutung beimessen, wollen Schülerinnen und Schülern dabei begleiten, sich zu orientieren, Hoffnung zu suchen und für sich zu finden sowie die Liebe zu entdecken, die nicht bei Emotionen bleibt, sondern weiter geht, mitgeht und mitlebt.

 

"Eure Kinder sind nicht eure Kinder"

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein!
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Dieser Text stammt von Chalil Gibran. Er war ein Philosoph, der 1883 bis 1931 als internationaler Mensch zwischen Libanon, Paris und New York lebte. Es lohnt sich, seinen Gedanken zu folgen und zu erkennen, dass jede Generation nur für sich nach Lebenserfüllung suchen kann, dass Bevormundung der nächsten Generation durch Eltern und Lehrer nicht weiterbringen und dass Liebe jungen Menschen gegenüber konsequent gelebt sein muss, um wirksam zu werden. Und es lohnt sich auch zu überlegen, wen er hier als Schützen beschreibt, wen als Pfeil und wen als Bogen.

 

Eid des Sokrates für Lehrer

Eid des Sokrates für Lehrer, nach dem 1925 geborenen Reformpädagogen Hartmut von Hentig, eine vorbildliche Absichtserklärung, die uns Unterrichtende auf jeden Fall herausfordern sollte:

Als Lehrer verpflichte ich mich,

  • die Eigenheiten eines jeden Kindes zu achten und gegen jeden zu verteidigen;
  • für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen;
  • auf seine Regungen zu achten, ihm zuzuhören, es ernst zu nehmen;
  • zu allem, was ich seiner Person zumute, seine Zustimmung zu suchen, wie ich es bei einem Erwachsenen täte;
  • das Gesetz seiner Entwicklung, soweit es erkennbar ist, zum Guten auszulegen und dem Kind zu ermöglichen, dieses Gesetz selbst anzunehmen;
  • seine Anlagen herauszufordern und zu fördern;
  • seine Schwächen zu schützen, ihm bei der Überwindung von Angst und Schuld, Bosheit und Lüge, Zweifel und Misstrauen, Wehleidigkeit und Selbstsucht beizustehen, wo es das braucht;
  • seinen Willen nicht zu brechen - auch nicht dort, wo er mir unsinnig erscheint - ihm vielmehr dabei zu helfen, seinen Willen in die Herrschaft seiner Vernunft zu nehmen;
  • es also den mündigen Gebrauch seines Verstandes zu lehren und
  • die Kunst der Verständigung, im Zuhören und Verstehens, im Aussprechen und Erklären;
  • es bereit zu machen, Verantwortung in der Gemeinschaft zu übernehmen und für diese;
  • es für die Welt fit zu machen, wie sie ist, ohne es der Welt zu unterwerfen, wie sie ist;
  • es erfahren zu lassen, was mit einem guten und erstrebenswerten Leben gemeint sein kann;
  • es eine Vision von einer besseren Welt entwickeln zu lassen und die Zuversicht, dass diese erreichbar ist;
  • es Wahrhaftigkeit zu lehren.

Damit verpflichte ich mich auch,

  • so gut ich kann, selbst vorzuleben, wie man mit den Schwierigkeiten, den Anfechtungen und Chancen unserer Welt und mit den eigenen immer begrenzten Gaben, mit der eigenen immer gegebenen Schuld zurechtzukommen;
  • nach meinen Kräften dafür zu sorgen, dass die kommende Generation eine Welt vorfindet, in der es sich zu leben lohnt und in der die ererbten Lasten und Schwierigkeiten nicht deren Ideen, Hoffnungen und Kräfte erdrücken;
  • meine Überzeugungen und Taten öffentlich zu begründen, mich der Kritik - insbesondere der Betroffenen und Sachkundigen - auszusetzen, meine Urteile gewissenhaft zu prüfen.
  • mit meinem Leben dafür einzustehen, dass ich als Mensch erkennbar bin, keine leeren Phrasen nachplappere, nur weil andere das tun, sondern mich von der Suche nach der für mich gültigen Wahrheit niemals abbringen lasse und mich so glaubwürdig mache, angehört zu werden.  

 

Die Qualität der Beziehung

„Die Qualität der Beziehung zwischen (Lehr-)Person und (Lern-)Person ist der wichtigste und zentrale Wirkfaktor in allen pädagogischen Bemühungen", Carl Rogers (Quelle)

We cannot teach another person directly; we can only facilitate his learning. What is the practical meaning of facilitation theory?

Some of Rogers' Advice for implementing the core conditions are the following:

  • Realness. Being real does not mean to release all the frustrations and anger on the students. That kind of teacher should not be in the classroom at all. “The attitudes being expressed in being real must be attitudes of respect, warmth, caring, liking and understanding.” The teacher must not pretend to be all-knowing and perfect, since the students know that can't be the truth.

  • Acceptance. Teachers should prize all students not for their positive/negative characteristics, but because they are all valuable human beings. This prizing can manifest as listening to what students are saying, but not necessary as listening to evaluate, but listening to learn his ideas, thoughts and feelings. Students need to feel free to explain their thoughts. Prizing can also manifest through responding to what the students say.

  • Empathy. Empathy enables teacher to understand the reasons that led the student to certain behavior or an answer, but also to understand his emotional situation that needs to be solved in order to enable significant learning.“ (Quelle)

Was bedeuten diese Zitate des bekannten amerikanischen Psychologen für uns?

Sie sind in der Lage, uns vor Selbstüberschätzung zu bewahren, dass wir als Lehrkräfte einfach so in der Lage wären, anderen Menschen etwas beizubringen. Sie bringen uns zum intensiveren Nachdenken, wie wir das Lernen der Schülerinnen und Schüler durch unser Handeln so gut wie es geht ermöglichen können.

Es geht um das Schaffen optimaler Voraussetzungen für aktives und selbstbestimmtes Lernen, nicht um die Umsetzung eines Lernautomatismus, der die Weitergabe von Wissen durch Lehrende an Lernende bewirkt.

Respekt, Fürsorge und emotionale Wärme sind dabei entscheidende Rahmenbedingungen, die aber nicht als Mittel zum Zweck missverstanden werden dürfen, sondern ehrlich und ganzheitlich durch die Lehrerpersönlichkeit vermittelt werden, die wir sein wollen.
 

Leitlinien der Erziehung

Erziehung ist Vorbild und Liebe – sonst nichts.“
 - Johann Heinrich Pestalozzi
„Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch 
die kalte Welt aushalten.“
 - Jean Paul
„Zweifeln Sie an der Besonderheit eines Menschen, mit dem Sie arbeiten, dann spürt er das und Sie schränken ihn ein.
Wenn also ein Kind sein Potenzial nicht voll ausschöpfen kann,
dann ist das mein Fehler, nicht der des Kindes.“ - Royston Maldoom

Wie kann es gelingen, dass Kinder zu Persönlichkeiten heranwachsen? Was können Eltern und Lehrer/innen tun und was sollten sie lassen, damit die Entwicklung ihrer Kinder gelingt? Der Schweizerische Bund für Elternbildung nennt acht Faktoren, die ich auch aus meiner persönlichen Erfahrung hier gerne weitergebe:

1. Zuhören können Ungezählte Informationen prasseln – oft schlecht gefiltert – auf unsere Kinder ein. Aber haben sie auch ein Gegenüber, das ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt? Haben Sie regelmäßige Zeiten, bei denen ihre Kinder Sie ungestört für sich haben. Gemeinsame Mahlzeiten sind eine wunderbare Gelegenheit. Und wenn es wegen unterschiedlicher Terminpläne bei Teenagern und älteren Jugendlichen nicht täglich möglich ist, da lohnt es sich, gemeinsame Zeiten zu vereinbaren – und diese dann auch liebevoll zu gestalten. Und wenn die jungen Leute den ganzen Tag unterwegs sind, dann lohnt es sich, abends selbst zu Hause zu sein. Oft habe ich meinen 17 jährigen nach 22 Uhr „zufällig“ noch in der Küche getroffen. Ich habe nichts gefragt, aber irgendwann erzählte er dann von sich aus etwas ... und manchmal war ich nicht vor Mitternacht im Bett.

2. Streiten dürfen Harmoniesucht ist weit verbreitet. Und ich bin der Letzte, der meint aus jeder Mücke einen Elefanten machen zu müssen. Aber Kinder können nur dann eine eigene stabile Persönlichkeit entwickeln, wenn sie zu Hause auch lernen Konflikte auszutragen. Was früher oft als lästige „Trotzphase“ bezeichnet wurde, wird glücklicher Weise von manchen besser als „Willensbildungsphase“ genannt.

3. Mut machen Einfach ausprobieren lassen - Möglichkeiten eröffnen, in denen Kinder sich erproben können – ein aufmunterndes Lächeln, wenn etwas nicht beim ersten Mal gelungen ist – ein „Das-schaffst –du-schon“ – ein herausforderndes „Lass uns das mal probieren“ ... Kinder spüren, ob wir auf sie als defizitär und „noch nicht erwachsen“ herabsehen oder sie als solche wahrnehmen (und fördern), die dabei sind, sich ihre Welt Stück für Stück zu erobern und zu gestalten.

4. Liebe schenken Geborgenheit schenken – zur rechten Zeit ein liebevolles Wort (das wird für den 10-Jährigen anders klingen als für die 17-Jährige) – eine Umarmung (die sich auch im Laufe des Älterwerdens der Kinder verändert) – Großzügigkeit – die Souveränität, bei Pannen und Fehlern nicht auszurasten, sondern gelassen zu bleiben. Eines meiner erwachsenen Kinder las vor kurzem „Fuck you“, in dem es vor allem darum geht, dass man sich von jedem Missgeschick tyrannisieren lässt: eine zerbrochene Vase, ein gestohlenes Fahrrad, ein zerstörtes Handy-Display ... Mich befremdete nicht nur der Titel, ich konnte auch mit dem Inhalt wenig anfangen. Nach einiger Zeit sagte meine Tochter: „Papa, für dich war das nie ein Problem. Du hast immer gewusst, was wichtig war und hast uns niemals wegen solcher Sachen Vorwürfe gemacht.“ Offensichtlich haben wir als Eltern nicht nur Fehler gemacht.

5. Grenzen setzen § 321 Absatz 45,b ... nein, bürokratische Kleinkariertheit ist ganz sicher nicht kindgemäß – und für Pubertierende erst recht nicht. Aber natürlich verbieten wir das Greifen auf die heiße Herdplatte. Es gab alters-abhängige Zeiten, wann die Kinder abends zu Hause sein sollten und Aufgaben im Haushalt, die zu erfüllen waren. Uneingeschränkter TV-Konsum war ebenso undenkbar wie ein respektloser Umgangston. Der Vater meines ältesten Enkelkinds beeindruckte mich, als er seinen tobenden 3-Jährigen ruhig auf dem Arm hielt und ihm mit ruhiger aber sicher Stimme sagte: “Kimo, wir haben darüber gesprochen. Du kannst jetzt weiterhin schreien, aber wir machen es so.“ Nach wenigen Minuten verstummte das Jammern. Auch später keinerlei „Rückfall“. Der kleine Mensch hatte gelernt, dass sich die Welt nicht nur nach seinen Empfindungen richtet und sein Vater auch dann gut zu ihm war, wenn er nicht auf jede Gefühlsregung mit reflexartigem elterlichen Gehorsam reagierte.

6. Gefühle zeigen „Ein deutscher Junge weint nicht:“ In dem Film DAS WUNDER VON BERN wird dieses stereotype männliche Verhalten vieler Väter in der Nachkriegszeit deutlich dargestellt. Am Ende des Filmes bestärkt der Sohn dann seinen sich verändernden Vater „Ein deutscher Mann, kann auch mal weinen“. Wie gut tut es, wenn Freude jubelnd und auslassend gefeiert wird, wenn Angst gezeigt und Schmerz ausgedrückt werden kann. Nein – Kinder sollen nicht jede Gefühlsregung ihrer Eltern mitbekommen, aber unterkühlte Distanz erzeugt keine menschliche Wärme und passive Apathie wird keine sensible Empathie unterstützen.

7. Freiraum geben In Pfützen herum springen, sich im Schnee wälzen, auf dem Campingplatz das Umfeld, die Nachbarschaft und den Shop erkunden ... es gibt für jedes Alter und jedes Kind ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie wir als Erwachsene den jungen Entdecker/innen Möglichkeiten geben können ihr Welt selbst zu entdecken. Pippi Langstrumpf ist nicht zufällig für viele der Inbegriff von Nonkonformität, von Lebensfreude und Gestaltungswillen. Ermöglichen wir unseren Kindern Abenteuer, die sie bestehen können.

8. Zeit haben „Du bist ja nie da.“ „Ich will für dich nicht nur ein Termin sein.“ „Dein Auto ist sowieso wichtiger als ich.“ Wir sollten solchen Worten Aufmerksamkeit schenken. Natürlich hat niemand 24 Stunden am Tag für seine Kinder. Aber haben wir wenigstens 7 Stunden in der Woche Zeit? Und sind wir nicht beleidigt, wenn nur ein Teil dieses Angebots wahrgenommen wird? Für einige Jahre habe ich mit jedem meiner vier Kinder monatlich einen Vater-Kind-Nachmittag eingerichtet. Kino, Schwimmbad, Radtour, ... immer hat es uns beiden gut getan! Und zum 17. Geburtstag gab es eine Vater-Kind-Wochenendreise mit dem Billigflieger. Wir gewinnen selbst, wenn wir auch unsere Zeit an unsere Kinder „verschwenden“.

Uli Marienfeld - veröffentlicht im Freundesbrief der Freien Christlichen Schulen Düsseldorf (2011)

 

Hartmut Rosa - Unterricht als Resonanzgeschehen

Schule hat aus soziologischer Sicht die Aufgabe, zwischen subjektiven Orientierungsversuchen und gesellschaftlichen Erwartungen zu vermitteln. Glück ist messbar: an Lachen, Singen, Tanzen - also an Resonanz.

Im gelungenen Resonanzdreieck sind Lehrende von ihrer Selbstwirksamkeit überzeugt und erreichen die Lernenden. Diese fühlen sich angenommen und sind offen für die Inhalte, die als bedeutungsvolles Feld von Herausforderungen erscheinen.
Im Entfremdungsdreieck empfinden die Lehrenden den Unterricht als Bedrohung, sie sind desinteressiert. Die Inhalte erscheinen beiden Seiten als Zumutung, die Lernenden sind gelangweilt, überfordert und empfinden Antipathie.

--> Wenn RESONANZ zwischen Lehrenden und Lernenden entsteht, verwandeln sich BEIDE!
Also nicht die Antworten der Schüler abfragen, sondern auf deren eigene Stimme hören, damit Resonanz entstehen kann. Und Selbstwirksamkeitserwartungen ernst nehmen: sich zutrauen, einander zu erreichen, keine Angst davor haben, sich erreichen zu lassen.
Missachtungserfahrungen sind Resonanzkiller, äußern sich später häufig auch in Zynismus als Weltendfremdung und Vorstufe von Burnout ("Es kommt nichts zurück.“)

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Für mich als Naturwissenschaftler ist dieses Schlüsselwort sehr hilfreich. Resonanz ist die Erscheinung, wenn das Trommelfell im Ohr eine Schwingung der Luftmoleküle aufgreift und über das Mittelohr an das Innenohr weiterleitet. Das Cortische Organ in der Schnecke des Innenohrs sucht sich sozusagen in jedem ihrer Abschnitte nur die Schwingung heraus, die mit ihrer eigenen Schwingungsfähigkeit übereinstimmt, und leitet einen Impuls an das Hörzentrum im Gehirn weiter.
Diesen Weg hin zur Wahrnehmung der Umwelt als Modell zu verwenden, bedeutet für mich, dass ich beim Unterrichten sozusagen verschiedene Frequenzen ausprobieren muss, um meine Schüler zu erreichen, bei ihnen eine Resonanz zu erzeugen. Und die Resonanzfrequenzen kann ich nicht als deckungsgleich annehmen, sie liegen individuell verschieden und können nicht gleichzeitig im gleichen Maße angesprochen werden. Dies bedenkend, kann ich mit dem unterschiedlichen Ausmaß an Beteiligung in meinem Unterricht besser umgehen und gezielter in meiner Ansprache umschalten, um Einzelne intensiver zu erreichen und zur Auseinandersetzung mit meinen Themen zu bringen. Das wiederum vermehrt meine eigenen Erfolgserlebnisse und damit meine Zufriedenheit mit meiner Unterrichtsarbeit auf dem Weg der Begleitung meiner Schüler beim Lernen.
 

Auf krummen Zeilen

„Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.“ Dieser Ausspruch stammt von Paul Claudel (1868 - 1955), ein französischer Schriftsteller, Dichter und Diplomat.

Viel weiß ich nicht von diesem Menschen. Aber ist es nicht so, dass einem manchmal ein entscheidender Gedanke nicht los lässt? Weil er mitten ins Herz getroffen hat. Weil er lebensentscheidend wichtig geworden ist. Weil er einen durch eine schwere Zeit begleitet hat.

Es gibt einige Punkte meines Lebens, die ich als wegweisend erinnere, auch wenn der Weg durchaus nicht immer geradeaus führte.

Als Zwölfjähriger war ich tief erschüttert, als ich begriff, wie weitreichend negativ die Folgen menschlichen Handelns für unseren Heimatplaneten waren. Der Club of Rome hatte gerade sein datengestütztes Weltuntergangsszenario veröffentlich. Ich nahm mir vor, Paläontologe, Tierschützer oder Tierarzt werden zu wollen, aber auf keinen Fall einen Beruf zu wählen, der mit Menschen zu tun hatte.

Als Vierzehnjähriger war ich dann von den Werken Brechts phasziniert, die so heftig ablehnend gegen weltliche Ordnungen fabulierten und den Gott anklagten, der Unterdrückung und Kriege zuließ und nichts gegen Diktatoren und Ausbeuter machte. Ich war auf der radikalen Suche nach einem Lebenssinn, der jenseits von Angepasstheit und Karriere zu suchen war.

Als Sechzehnjähriger war ich dann an dem großen Wendepunkt in meinem Leben, als ich feststellen musste, dass mir Gott ins Herz gesprochen hatte und es geschafft hatte, mich zu einer 180°-Kehrtwende zu bringen. Meine berufliche Zielvorstellung war eine Tätigkeit als Psychologe.

Als Achtzehnjähriger fand ich mich als glücklich und zuversichtlich glaubender Mensch in der Situation, mich in meiner Berufung durch so eine Nebensächlichkeit wie den Numerus clausus in Psychologie ausgebremst zu sehen. Gleichzeitig redete mir ein gläubiger Mitabiturient zum Theologiestudium zu, weil er in mir einen zukünftigen Pfarrer sah. Doch intensives Gebet brachte mich dann zum Lehramtsstudium, das ich dann als meinen Weg erkannte.

Zwei Jahre später bin ich fast daran verzweifelt, dass die Inhalte meines Studiums und die erlernten Kompetenzen mich keineswegs auf einen Alltag in meinem Beruf als Lehrer vorbereiteten, sondern aus mir einen Wissenschaftler machen sollten. Gleichzeitig fühlte ich mich überfordert, Dinge mit letzten Kräften zu lernen, die ich als bloße Schikane oder mindestens als Hürde auf dem Weg zum Examen erkannte, aber nicht als Schritt auf dem Weg zu einer Professionalisierung. Ich überlegte ernsthaft, nach meinem Vordiplom mein Studium der Biologie und der Physik zu schmeißen, bekam dann aber neuen Mut.

Weitere acht Jahre später, als ich mein gutes Staatsexamen in der Tasche hatte, sah ich mich mit der Tatsache konfrontiert, dass keine Lehrerstelle auf mich wartete, sondern eine Zeit der Arbeitslosigkeit. Es gab einen vorübergehenden Einstellungsstopp, wegen Lehrerschwemme und Schülermangel. Ausreden, dachte ich, das wäre doch die Chance für kleinere Klassen und Qualitätssteigerung. Gleichzeitig versuchten mich Versicherungsunternehmen und Technologie-konzerne für eine IT-Karriere anzuwerben, mit durchaus lukrativen Angeboten. Aber inzwischen hatte ich meinen Lehrerberuf als Berufung erkannt, also als die für mich bestimmte Aufgabe, die ich nicht von vorübergehenden Hindernissen gefährdet sehen wollte.

Der von mir betreute Schülergebetskreis hatte für mich gebetet. Und so eröffnete sich für mich durch den Hinweis einer Schülerin aus dieser Gruppe eine Perspektive, meinen Beruf im Ausland auszuüben. Ich hatte in der Schule lange Zeit Probleme mit der englischen Sprache und nun sollte ich in dieser Sprache meine naturwissenschaftlichen Fächer unterrichten. Und zwar in Simbabwe - das wiederum war die Erfüllung eines Kindheitstraums. Manchmal überrascht einen das Leben auf eine unglaubliche Art und Weise!

So habe ich immer wieder gemerkt, dass ich an Widerstände und Hindernisse stoße, dass aber dahinter ein Weg ist, der mich durchaus weiter führen kann, wenn ich daran glaube und das will. Und dass Gott mich begleitet auf diesem Weg, ist mir immer wieder zur Glaubensgewissheit geworden.

Rolf Hübner