"Ich habe Glück gehabt"

Evy Weyl berichtet von ihrer Kindheit im Lager Westerbrock

Gebannt hören 250 SchülerInnen zu, als Eva Weyl ihre Lebensgeschichte erzählt. Als Mädchen erlebte sie das Erstarken der Nationalsozialisten in Kleve. Ihre Familie floh nach Holland, doch nach dem Einmarsch der Nazis in den Niederlanden wurde Eva mit ihrer Familie ins Lager Westerbork deportiert. Ihre Erzählungen werden durch viele Anekdoten anschaulich und lebensnah: Erlebnisse in der Schule, wo der Lehrer „Die Juden sind unser größter Feind“ an die Tafel schreibt, die erste Liebe und wie ihre Mutter das Familienvermögen in Form von Rohdiamanten in Evas Mantel einnähte, was Eva allerdings erst nach dem Krieg erfuhr.

Weyls hatte Glück im Unglück: Westerbork war ein Durchgangslager, kein Vernichtungslager. Es habe sich von allen anderen Lagern unterschieden, so gab es eine Schule für die Kinder und genug zu Essen. Sonntags gab es sogar Konzerte, da der Kommandant ein kulturell interessierte Mensch war.

Aber: Jede Woche gingen auch Züge Richtung Auschwitz, niemand wusste genau, welches Schicksal den Deportierten drohte, „niemand glaubte den Gerüchten, was da im Osten geschah“. Darum gab es auch keinen organisierten Widerstand gegen die Deportation, allerdings Selbstmorde und Fluchtversuche, wenn die Listen mit den nächsten Deportierten verlesen wurden.

Zweimal stand Weyls Name auch auf der Liste. Beim ersten Mal strich ein Bekannter ihren Namen von der Liste, so dass sie dem sicheren Tod entkam. Beim zweiten Mal saß die Familie Weyl morgens schon vor der Baracke, bereit zum Abtransport. Doch aufgrund eines Fliegerangriffs, bei dem das grenznahe Lager wohl für eine deutsche Fabrik gehalten wurde, konnte der Zug mit den Viehwaggons nicht abfahren, und auch die Liste ging in dem Chaos verloren.

Erstaunlich war der Kontrast zwischen den Alltagsschilderungen im Durchgangslager, die an die Erlebnisse in einem strengen Internat erinnern, mit Konzert, Kabarett, Techtelmechteln, „alles schöner Schein“, so Weyl – und dem ungewissen Schrecken, der alles und jeden bedrohte.

Der Lagerkommandant sagte nach dem Krieg, dass er nicht gewusst habe, was mit den Juden passierte. Er wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt, wurde nach 6 Jahren vorzeitig entlassen und arbeitete anschließend in einem Zigarrengeschäft in Düsseldorf. Er starb friedlich in seinem Bett. Von den über 100.000 aus Westerbork deportierten Juden überlebten 5000.

„Ich will, dass ihr wisst, was geschah!“, erklärt Weyl, während schreckliche Bilder an der Leinwand erscheinen, die nach der Befreiung des KZ Buchenwald aufgenommen wurden. „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was in der Vergangenheit geschehen ist, aber für das, was in Zukunft passiert.“

 

Hauke Hullen