Hartmut Rosa - Unterricht als Resonanzgeschehen

Schule hat aus soziologischer Sicht die Aufgabe, zwischen subjektiven Orientierungsversuchen und gesellschaftlichen Erwartungen zu vermitteln. Glück ist messbar: an Lachen, Singen, Tanzen - also an Resonanz.

Im gelungenen Resonanzdreieck sind Lehrende von ihrer Selbstwirksamkeit überzeugt und erreichen die Lernenden. Diese fühlen sich angenommen und sind offen für die Inhalte, die als bedeutungsvolles Feld von Herausforderungen erscheinen.
Im Entfremdungsdreieck empfinden die Lehrenden den Unterricht als Bedrohung, sie sind desinteressiert. Die Inhalte erscheinen beiden Seiten als Zumutung, die Lernenden sind gelangweilt, überfordert und empfinden Antipathie.

--> Wenn RESONANZ zwischen Lehrenden und Lernenden entsteht, verwandeln sich BEIDE!
Also nicht die Antworten der Schüler abfragen, sondern auf deren eigene Stimme hören, damit Resonanz entstehen kann. Und Selbstwirksamkeitserwartungen ernst nehmen: sich zutrauen, einander zu erreichen, keine Angst davor haben, sich erreichen zu lassen.
Missachtungserfahrungen sind Resonanzkiller, äußern sich später häufig auch in Zynismus als Weltendfremdung und Vorstufe von Burnout ("Es kommt nichts zurück.“)

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Für mich als Naturwissenschaftler ist dieses Schlüsselwort sehr hilfreich. Resonanz ist die Erscheinung, wenn das Trommelfell im Ohr eine Schwingung der Luftmoleküle aufgreift und über das Mittelohr an das Innenohr weiterleitet. Das Cortische Organ in der Schnecke des Innenohrs sucht sich sozusagen in jedem ihrer Abschnitte nur die Schwingung heraus, die mit ihrer eigenen Schwingungsfähigkeit übereinstimmt, und leitet einen Impuls an das Hörzentrum im Gehirn weiter.
Diesen Weg hin zur Wahrnehmung der Umwelt als Modell zu verwenden, bedeutet für mich, dass ich beim Unterrichten sozusagen verschiedene Frequenzen ausprobieren muss, um meine Schüler zu erreichen, bei ihnen eine Resonanz zu erzeugen. Und die Resonanzfrequenzen kann ich nicht als deckungsgleich annehmen, sie liegen individuell verschieden und können nicht gleichzeitig im gleichen Maße angesprochen werden. Dies bedenkend, kann ich mit dem unterschiedlichen Ausmaß an Beteiligung in meinem Unterricht besser umgehen und gezielter in meiner Ansprache umschalten, um Einzelne intensiver zu erreichen und zur Auseinandersetzung mit meinen Themen zu bringen. Das wiederum vermehrt meine eigenen Erfolgserlebnisse und damit meine Zufriedenheit mit meiner Unterrichtsarbeit auf dem Weg der Begleitung meiner Schüler beim Lernen.