Eine Seefahrt, die ist lustig

Der Pädagogik-LK war auf dem IJsselmeer unterwegs

Es ist noch gar nicht lange her, da stand unsere reisebegeisterte Lehrerin, Frau Miele-Klitz, vor uns und referierte, inspiriert durch den Pädagogen Kurt Hahn, über Erlebnispädagogik. Es sollte nicht lange dauern, da folgte auf die Theorie die Praxis und der Pädagogik-Lk stach in See.
Um 5.45 Uhr am Morgen des 4. Septembers 2017 sammelte sich eine leicht verschlafene Gruppe von SchülerInnen vor den Toren des Freien Christlichen Gymnasiums zu Düsseldorf. Kaum waren die bekanntlich immer zu kurzen Sommerferien vorbei, wartete ein Abenteuer auf uns, begleitet von Frau Miele-Klitz, Herrn Stenzel und Herrn Hackländer.
Ein riesiger Reisebus stand schon bereit. Er würde uns an den Ausgangspunkt unseres Abenteuers, nach Enkhuizen am Ufer des IJsselmeer, bringen. Wir standen am Anfang eines einwöchigen Segeltörns mit dem Dreimaster „Novel“.
Zunächst musste jedoch der Proviant verstaut werden. Er bestand aus Getränken, Reiswaffeln, Haferflocken und zum ganz überwiegenden Teil aus Spaghetti und Schokoladenkeksen. Angesichts der beachtlichen Menge an Lebensmitteln, die wohl auch für eine Überquerung des Atlantiks gereicht hätte, standen wir in morgendlicher Dämmerung bereits einer ersten körperlichen Herausforderung gegenüber: Alles musste in den Bus gehievt werden. Während wir Kiste für Kiste in ernüchternder Anstrengung in den Bus trugen, bekam unsere Illusion einer entspannten Kreuzfahrt erste Risse.

Nach vier Stunden erreichten wir unser Ziel. Unser erster Gang über die Decksplanken war beeindruckend, man fühlte sich wie aus einem Piratenfilm entsprungen. Beim Verteilen der zu Verfügung stehenden Zweier- und Vierer-Kabinen wurde schnell klar, dass unsere vorübergehende Wohnsituation viel Selbstorganisation und Rücksichtnahme verlangte. Auch mit den Duschen und Toiletten wollten wir im ersten Moment keine Freundschaft schließen. Unser Aufenthaltsraum jedoch war großzügig geschnitten und versprühte eine gemütliche Atmosphäre.
Mit uns an Bord waren zwei Mann Besatzung: Der Skipper und sein Gehilfe, der Maat namens Martin. Nach seinen Anweisungen sollten wir das Schiff in Fahrt bringen. Wortreiche Erklärungen gab es dafür jedoch nicht. Martin gab knappe Anweisungen und das hieß für uns Landratten höchste Konzentration. Nach einer kurzen Theorieeinheit über „Segelknoten“- durchaus hilfreich, wie wir später feststellen sollten, gab es kein langes Ausruhen. Wir sollten die Segel setzen und fuhren volle Kraft voraus - dachten wir. Denn was sich zunächst einfach anhörte, entpuppte sich als Schwerstarbeit, ein Ganzkörper-Workout. Segel losmachen, Segel auspacken, Segel hochziehen usw. machte uns ganz schön zu schaffen und dann alles "schnell, schnell!". Und wenn der Achterknoten noch nicht perfekt saß, gab's mitleidige Blicke vom Maat.
Doch auch als wir unser Schiff endlich abfahrbereit hatten, klappte es mit dem „Volldampf voraus“ immer noch nicht, was allerdings am Wetter lag. Wenig Wind, dafür viel Sonne. Wir fanden den Sonnenschein herrlich. So verbrachten wir unsere ersten Stunde auf See in Badesachen an Deck und dösten in der Sonne. Zwischendurch gab es das eine oder andere Kommando für eine Wende, was uns aber nicht wirklich aus der Ruhe brachte. Es herrschte Flaute. Sollte es doch noch ein Sommerurlaub werden?
Nach dem Anlegen in Makkum wartete die nächste Herausforderung. Unser hoch motiviertes Küchenteam hatte für den heutigen Abend Spaghetti-Bolognese auf dem Speisezettel. Kein Problem, oder?  Zeitmanagement war nun das Zauberwort. Es ist eben nicht das Gleiche, für 25 Personen zu kochen anstatt für vier. Nachdem der Herd gefühlte 60 Minuten brauchte, um die nötige Menge Wasser zum Kochen zu bringen, stellte sich der gewählte Topf als zu klein heraus, um 4kg Spaghetti aufzunehmen. Es musste also ein zweites Behältnis her. Befanden wir uns bis zu diesem Zeitpunkt in der so genannten „Lernzone“, gleiteten wir nun hinüber in die „Panikzone“. Denn während sich im ersten Topf die Nudeln in geschmeidigen Schleifen bereits der Topfform anpassten, standen sie im zweiten Topf noch aufrecht und steinhart. Die Angst vor der Blamage war groß. Nach viel Ausdauer und Verzweiflung standen unsere Spaghetti Bolognese endlich auf dem Tisch. Es war halb neun und vor uns lag noch ein Mörder-Abwasch.
Am nächsten Morgen ging es wieder früh los. Frühstück mit selbstgekochtem Kaffee wartete auf uns im Aufenthaltsraum. Schön, sich an den gedeckten Tisch setzen zu können. Doch draußen wartete das Grauen. Dicke, graue Regenwolken bestimmten das Wetter an unserem zweiten Tag. Es regnete ohne Unterlass. Schon beim Auspacken der Segel wussten wir, dass dies ein nasser Tag werden würde. Doch draußen auf dem Meer bekam die Umschreibung „nass“ eine ganz neue Bedeutung für uns. Während es munter weiter regnete, pustete uns ein mächtiger Wind entgegen. Endlich Fahrt aufnehmen zu können war einerseits reizvoll, hatte aber zur Folge, dass uns das Wasser nun gleichzeitig von oben und von unten in die Kleidung lief. In regelmäßigen Abständen erwischten uns Wellen von der Seite, die uns samt Deck überspülten.
Unser Schiff war jetzt richtig schnell. Die Wendekommandos kamen in kurzen Abständen. Eines wurde uns in diesem Moment schnell klar: Wir mussten nun im wahrsten Sinne des Wortes alle an einem Strang ziehen. Nur mit vereinten Kräften würden wir bei diesen Bedingungen die Segel richtig und vor allem schnell genug setzen können. Keine(r) konnte sich aus der Verantwortung stehlen, jede Hand wurde gebraucht. Das war eine tolle Erfahrung.
An diesem Abend waren wir ziemlich stolz auf uns und fühlten uns wie erfahrene Segler. Herr Stenzel holte seine Gitarre hervor und versuchte sich an den Hits von U2. Später sangen wir gemeinsam. Wir schmetterten die Lieder (Herr Hackländer: „We call it Klassiker.“), die wir sonst über unsere Handys rauf und runter hörten, wie zum Beispiel „Die perfekte Welle“, „Durch den Monsum“ oder „Wonderwall“ und es fühlte sich an wie ein Lagerfeuer auf dem Wasser.
Der dritte Tag entpuppte sich als absoluter Volltreffer. Wir machten um zwei Uhr nachmittags auf der Insel Terschelling fest und waren zunächst überfordert, was wir mit der plötzlichen Freizeit anfangen sollten. Nach fast drei gemeinsamen Tagen auf dem Schiff waren wir sehr an geregelte Abläufe und an unsere Gruppe gewöhnt. Das Betreten festen Bodens brachte jedoch schnell die gewohnte Sicherheit zurück und wir machten uns in Kleingruppen auf Erkundungstour. Mit einem Tandem fuhren wir die Promenade entlang, entdeckten einen herrlichen, fast 30 km langen Sandstrand und fanden schließlich einen kleinen, schnuckelige Inselkern mit einladenden Boutiquen und netten Restaurants. Als besonderer Kundenmagnet stellte sich bei uns Seglerinnen ein Schreibwarenhandel mit vorne H… und hinten …a heraus. Ein wirklich toller Tag!
Obwohl wir sicher zugeben müssen, dass uns das Segeln bei Sturm und Regen am meisten Spaß gemacht hat, stießen wir am vierten Tag auf dem Weg nach Hoorn an unsere Grenzen. Allerdings ist hiermit weniger unsere Seetüchtigkeit gemeint, als vielmehr der Mangel an trockener Kleidung. Aufgrund der überwiegend niedrigen Temperaturen trugen wir an Deck meist einen wärmenden Zwiebellook, bestehend aus mindestens drei Hosen oder Leggins und vier Oberteilen plus entsprechenden Jacken. Das Problem dabei: Wenn man alle Klamotten gleichzeitig anzieht, dann wird auch alles gleichzeitig nass, und da es auf unserem Luxuskreuzfahrer weder Waschmaschine noch Trockner gab, blieben sie auch nass. Also verfügten nur die wenigsten am vierten Tag noch über trockene oder gar saubere Klamotten. So kam es vor, dass wir auch im Schlafanzug an Deck anzutreffen waren, wo ein reger Handel heiß begehrter Restbestände trockenen Kleidungsstücke aufblühte. Auch unsere Lehrerin, Frau Miele-Klitz, war in ständig wechselnden Hosen zu bestaunen.
Am Freitag, unserem letzten Tag, kam Wehmut auf. Wir waren mittlerweile eine gut aufeinander abgestimmte Crew. Auspacken und Setzen von Segeln - kein Problem. Knoten knüpfen oder andere grob- bis feinmotorische Aufgaben lösten wir im Schlaf. Es gibt so vieles, was wir in der kurzen Zeit an Bord der Novel gelernt haben. Am frühen Nachmittag hieß es dann jedoch Abschied nehmen. Zurück in Enkhuizen verließen wir die Novel und sagten Skipper und Maat auf Wiedersehen.
Die größte Herausforderung während unserer Reise war nicht wie erwartet die Enge an Bord, sich nicht aus dem Weg gehen zu können oder die körperliche Anstrengung beim Segeln.
Viel herausfordernder waren die ruhigen Stunden. Die Zeiten ohne Netz- und WLan-Verbindung, in denen man nichts mit sich anzufangen weiß, hinter sich zu bringen. Um so beruhigender war es, erleben zu können, dass auch unsere (facebook-) Generation kreativ und spielerisch miteinander (face-to-face) kommunizieren kann. Verschiedene Strategien des Zeitvertreibs waren zu beobachten. Während sich die einen dem Küchendienst und einer ansprechenden Verpflegung widmeten, steigerten sich andere (vorrangig Mädchen) in wahre Bastel-Challenges (dank H…a). Oder man bot sich ganz uneigennützig als Dienstleisterin an, in dem man z. B. den übrigen Crew-Mitgliedern Zöpfe flocht. Besonders beliebt war das Rollenspiel „Werwolf“, bei dem man seine Rolle, welche man mit einer Spielkarte zugeteilt bekommt, bestmöglich verstecken muss.
Auch die Abende bescherten uns tolle Momente. Eine Chance, dem Abi-Stress und dem Alltag zu entfliehen, seine MitschülerInnen und LehrerInnen, aber auch sich selbst ganz anders kennen zu lernen, im Herzchen-Schlafanzug, ohne Schminke oder aufwendige Gel-Frisuren. Und je länger wir fuhren und desto mehr Wellen wir überquerten, um so mehr wurden wir auf den Boden der Tatsachen, zu den wesentlichen Dingen des Lebens zurückgeholt. Ohne WhatsApp und gestellte Fotos waren wir einfach nur WIR ohne Filter.
Eine schöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Milena Petersen, Q2