Eid des Sokrates für Lehrer

Eid des Sokrates für Lehrer, nach dem 1925 geborenen Reformpädagogen Hartmut von Hentig, eine vorbildliche Absichtserklärung, die uns Unterrichtende auf jeden Fall herausfordern sollte:

Als Lehrer verpflichte ich mich,

  • die Eigenheiten eines jeden Kindes zu achten und gegen jeden zu verteidigen;
  • für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen;
  • auf seine Regungen zu achten, ihm zuzuhören, es ernst zu nehmen;
  • zu allem, was ich seiner Person zumute, seine Zustimmung zu suchen, wie ich es bei einem Erwachsenen täte;
  • das Gesetz seiner Entwicklung, soweit es erkennbar ist, zum Guten auszulegen und dem Kind zu ermöglichen, dieses Gesetz selbst anzunehmen;
  • seine Anlagen herauszufordern und zu fördern;
  • seine Schwächen zu schützen, ihm bei der Überwindung von Angst und Schuld, Bosheit und Lüge, Zweifel und Misstrauen, Wehleidigkeit und Selbstsucht beizustehen, wo es das braucht;
  • seinen Willen nicht zu brechen - auch nicht dort, wo er mir unsinnig erscheint - ihm vielmehr dabei zu helfen, seinen Willen in die Herrschaft seiner Vernunft zu nehmen;
  • es also den mündigen Gebrauch seines Verstandes zu lehren und
  • die Kunst der Verständigung, im Zuhören und Verstehens, im Aussprechen und Erklären;
  • es bereit zu machen, Verantwortung in der Gemeinschaft zu übernehmen und für diese;
  • es für die Welt fit zu machen, wie sie ist, ohne es der Welt zu unterwerfen, wie sie ist;
  • es erfahren zu lassen, was mit einem guten und erstrebenswerten Leben gemeint sein kann;
  • es eine Vision von einer besseren Welt entwickeln zu lassen und die Zuversicht, dass diese erreichbar ist;
  • es Wahrhaftigkeit zu lehren.

Damit verpflichte ich mich auch,

  • so gut ich kann, selbst vorzuleben, wie man mit den Schwierigkeiten, den Anfechtungen und Chancen unserer Welt und mit den eigenen immer begrenzten Gaben, mit der eigenen immer gegebenen Schuld zurechtzukommen;
  • nach meinen Kräften dafür zu sorgen, dass die kommende Generation eine Welt vorfindet, in der es sich zu leben lohnt und in der die ererbten Lasten und Schwierigkeiten nicht deren Ideen, Hoffnungen und Kräfte erdrücken;
  • meine Überzeugungen und Taten öffentlich zu begründen, mich der Kritik - insbesondere der Betroffenen und Sachkundigen - auszusetzen, meine Urteile gewissenhaft zu prüfen.
  • mit meinem Leben dafür einzustehen, dass ich als Mensch erkennbar bin, keine leeren Phrasen nachplappere, nur weil andere das tun, sondern mich von der Suche nach der für mich gültigen Wahrheit niemals abbringen lasse und mich so glaubwürdig mache, angehört zu werden.