Brückenbauer zwischen den Generationen

Das FCG bekommt Besuch von zehn Zeitzeugen und ihren Enkeln aus Israel

Es ist ein erstaunliches Bild, was sich einem Außenstehenden dort im Selbstlernzentrum des Freien Christlichen Gymnasiums bietet: Eine Frau und ein Mann, beide zwischen 70 und 80 Jahren alt, rahmen zwei Teenager ein. Um sie herum sitzen ca. 100 Schülerinnen und Schüler der Einführungsphase. Wie kommt es zu dieser spannenden Konstellation?

Hier sitzen Großvater bzw. Großmutter mit ihren Enkeln. Die beiden älteren Personen, Gita Koifmann und Yaron Kaiser, gehören mit ihren Enkeln einer Gruppe von zehn Zeitzeugen an, die den langen Weg von Israel nach Düsseldorf auf sich genommen haben, um ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Initiiert wurde das Ganze von dem Verein „Brücke Düsseldorf-Haifa“ anlässlich des 30jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft und des 70. Geburtstages des Staates Israel.

Gita Koifmann und Yaron Kaiser sind heute israelische Staatsbürger, aber geboren wurden sie in der Ukraine, das damals noch zur UdSSR gehörte. In ihren jungen Lebensjahren mussten sie schon den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erleben oder wurden in diesen hineingeboren. Sie erlebten, wie Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, und für sie hatte es besondere Konsequenzen. Denn sie waren Juden und damit stand ihnen ein hartes, aber auch besonderes Schicksal bevor.

So erzählt Gita Koifmann, wie sie als etwa zweijähriges Mädchen in ein Lager der Nationalsozialisten kam. Doch ihrer Mutter gelang es, sie aus dem Lager herauszubringen. Sie wurde letztlich von einer christlichen Familie gefunden und aufgenommen und überlebte die Shoa (hebräische Bezeichnung des Holocausts). In den 1970er Jahren wanderte sie, die in der UdSSR zur Lehrerin ausgebildet worden war, nach Israel aus. Auch das war zu dieser Zeit keine leichte Angelegenheit.

 

Heute ist es ihr ein Anliegen, von dieser Zeit zu erzählen, nicht um anzuklagen, sondern um die Erinnerung hochzuhalten und damit einen Beitrag dazu zu leisten, dass so etwas wie die Shoa nie wieder passiert. Gita Koifmann und Yaron Kaiser gehören der letzten Generation an, welche die schrecklichen Ereignisse in Europa selbst miterlebt haben. In ein paar Jahren wird es diese Generation nicht mehr geben.

Um so mehr ist es ihnen ein Anliegen, die Erinnerung weiterzugeben. Deshalb haben sie ihre Enkel nach Deutschland mitgebracht, um die Erinnerung weiterleben zu lassen. Gemeinsam sind sie in Haifa/Israel einen Verein tätig, der sich genau darum bemüht.

Nachdem Gita Koifmann und Yaron Kaiser von ihren Erlebnissen erzählt haben, dürfen sie Schülerinnen und Schüler Fragen stellen. Neben den Ereignissen aus der frühesten Kindheit der beiden merkt man, dass die Schülerinnen und Schüler auch an aktuellen Ereignissen in Israel und dem israelisch-palästinensischen Konflikt interessiert sind. Hier wurde von Seiten der Schülerinnen und Schüler teilweise auch kritisch nachgefragt.

Gerade in solchen Momenten merkt man, dass die Erfahrung der Shoa nicht nur die Vergangenheit der Menschen geprägt hat, die sie erlebt haben, sondern ihre Sichtweise das ganze Leben prägt. Deshalb dienen solche Veranstaltungen nicht nur dazu, etwas über die Vergangenheit zu erfahren, sondern auch ihre Auswirkungen bis heute zu erkennen. Es geht darum Brücken des Verständnisses zu bauen, die auch in der Zukunft ein gemeinsames Leben ermöglicht.

Peter Lindhorst