Auf krummen Zeilen

„Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.“ Dieser Ausspruch stammt von Paul Claudel (1868 - 1955), ein französischer Schriftsteller, Dichter und Diplomat.

Viel weiß ich nicht von diesem Menschen. Aber ist es nicht so, dass einem manchmal ein entscheidender Gedanke nicht los lässt? Weil er mitten ins Herz getroffen hat. Weil er lebensentscheidend wichtig geworden ist. Weil er einen durch eine schwere Zeit begleitet hat.

Es gibt einige Punkte meines Lebens, die ich als wegweisend erinnere, auch wenn der Weg durchaus nicht immer geradeaus führte.

Als Zwölfjähriger war ich tief erschüttert, als ich begriff, wie weitreichend negativ die Folgen menschlichen Handelns für unseren Heimatplaneten waren. Der Club of Rome hatte gerade sein datengestütztes Weltuntergangsszenario veröffentlich. Ich nahm mir vor, Paläontologe, Tierschützer oder Tierarzt werden zu wollen, aber auf keinen Fall einen Beruf zu wählen, der mit Menschen zu tun hatte.

Als Vierzehnjähriger war ich dann von den Werken Brechts phasziniert, die so heftig ablehnend gegen weltliche Ordnungen fabulierten und den Gott anklagten, der Unterdrückung und Kriege zuließ und nichts gegen Diktatoren und Ausbeuter machte. Ich war auf der radikalen Suche nach einem Lebenssinn, der jenseits von Angepasstheit und Karriere zu suchen war.

Als Sechzehnjähriger war ich dann an dem großen Wendepunkt in meinem Leben, als ich feststellen musste, dass mir Gott ins Herz gesprochen hatte und es geschafft hatte, mich zu einer 180°-Kehrtwende zu bringen. Meine berufliche Zielvorstellung war eine Tätigkeit als Psychologe.

Als Achtzehnjähriger fand ich mich als glücklich und zuversichtlich glaubender Mensch in der Situation, mich in meiner Berufung durch so eine Nebensächlichkeit wie den Numerus clausus in Psychologie ausgebremst zu sehen. Gleichzeitig redete mir ein gläubiger Mitabiturient zum Theologiestudium zu, weil er in mir einen zukünftigen Pfarrer sah. Doch intensives Gebet brachte mich dann zum Lehramtsstudium, das ich dann als meinen Weg erkannte.

Zwei Jahre später bin ich fast daran verzweifelt, dass die Inhalte meines Studiums und die erlernten Kompetenzen mich keineswegs auf einen Alltag in meinem Beruf als Lehrer vorbereiteten, sondern aus mir einen Wissenschaftler machen sollten. Gleichzeitig fühlte ich mich überfordert, Dinge mit letzten Kräften zu lernen, die ich als bloße Schikane oder mindestens als Hürde auf dem Weg zum Examen erkannte, aber nicht als Schritt auf dem Weg zu einer Professionalisierung. Ich überlegte ernsthaft, nach meinem Vordiplom mein Studium der Biologie und der Physik zu schmeißen, bekam dann aber neuen Mut.

Weitere acht Jahre später, als ich mein gutes Staatsexamen in der Tasche hatte, sah ich mich mit der Tatsache konfrontiert, dass keine Lehrerstelle auf mich wartete, sondern eine Zeit der Arbeitslosigkeit. Es gab einen vorübergehenden Einstellungsstopp, wegen Lehrerschwemme und Schülermangel. Ausreden, dachte ich, das wäre doch die Chance für kleinere Klassen und Qualitätssteigerung. Gleichzeitig versuchten mich Versicherungsunternehmen und Technologie-konzerne für eine IT-Karriere anzuwerben, mit durchaus lukrativen Angeboten. Aber inzwischen hatte ich meinen Lehrerberuf als Berufung erkannt, also als die für mich bestimmte Aufgabe, die ich nicht von vorübergehenden Hindernissen gefährdet sehen wollte.

Der von mir betreute Schülergebetskreis hatte für mich gebetet. Und so eröffnete sich für mich durch den Hinweis einer Schülerin aus dieser Gruppe eine Perspektive, meinen Beruf im Ausland auszuüben. Ich hatte in der Schule lange Zeit Probleme mit der englischen Sprache und nun sollte ich in dieser Sprache meine naturwissenschaftlichen Fächer unterrichten. Und zwar in Simbabwe - das wiederum war die Erfüllung eines Kindheitstraums. Manchmal überrascht einen das Leben auf eine unglaubliche Art und Weise!

So habe ich immer wieder gemerkt, dass ich an Widerstände und Hindernisse stoße, dass aber dahinter ein Weg ist, der mich durchaus weiter führen kann, wenn ich daran glaube und das will. Und dass Gott mich begleitet auf diesem Weg, ist mir immer wieder zur Glaubensgewissheit geworden.

Rolf Hübner